Jerome_WPLeseprobe / Jerome
Sveltin Clown, Seiten 140-148

>> PDF

Gegen 19 Uhr kam ich wieder zu mir und wurde neugierig auf die freudigen Töne, die mein Rechner von sich gab. Ich setzte mich anständig hin, checkte die E-Mails der letzten vier Tage und stolperte über Jerome – einen Namen aus meiner Vergangenheit, die noch gar nicht so weit zurücklag.
Ich habe über mehrere Jahre regelmäßig, vielleicht alle zwei Monate, einen Club besucht, dessen Multikultur und Orientierung mich ein bisschen an die Clubs in Paris und New York erinnerte. Als Studentin habe ich absurde Summen und Entfernungen auf mich genommen, nur um mich in Établissements zu bewegen, die Menschen aller erdenklichen Rassen und sexueller Vorlieben anzogen, weil ich mir so eine moderne Gesellschaft vorstellte, bzw. weil dies die einzigen Schuppen waren, in denen ich mich wohl fühlte. Und dieser Kölner Club kam an diese Qualität ein bisschen heran – ich erwähne den Namen oder die spezielle Veranstaltung nicht, da sie heute so in dieser Qualität nicht mehr existiert.
Jerome ist ein muskulöser, sehr aufmerksamer westafrikanischer Mann. Er tauchte in irgendeinem dieser Jahre aus dem Clubnebel neben mir auf und passte zu meinen Händen und zu meiner Haltung. Wir bewegten uns ohne ein Wort über mehrere Stunden durch die Musik, die nicht nur zu hören war, sondern die wir durch jeden Quadratzentimeter Haut aufnahmen.
Vielleicht kennen Sie die afrikanische Haltung: Sie ist stolz und empfänglich. Ein drittes Attribut dieser Haltung kann eine verheerende Dominanz sein, aber sie tauchte in seinen Bewegungen nicht auf. Natürlich können Menschen immer alles sein, und nicht nur hypothetisch, sie werden es auch, jeder weiß es von sich selber. Die Dominanz lag ihm mit Sicherheit im Blut. Menschliche Sinne gehen aber kaum an meiner Empfindlichkeit diesbezüglich vorbei: Wenn mich ein Mensch versucht zu dominieren, mit dem Ziel, dass ich ihm oder ihr tatsächlich unterlegen sein soll – und mir reicht die eine Sekunde, um dies zu erkennen – fahre ich sofort die Zähne aus und gehe dabei bis zum Ende. Ein Kampf hat immer ein Ende.
Die Dominanz mit dem Ziel des gegenseitigen Ausgleichs dagegen, ist eine magische und positive Sucht. Sie war unsere Gemeinsamkeit! Jerome war auch der erste und einzige Mann, den ich jemals habe sagen hören, er sei bisexuell – was aber gar nicht so selten sein mag. Wir tanzten so eng und entspannt durch die Nächte, dass der Club uns eigentlich für die versprühte Offenheit und Energie hätte bezahlen müssen. Ich hatte einen kleinen Vorteil, da sich weibliche Körper nicht so massiv verändern, wenn sie einem anderen Körper so nahe kommen. Er musste immer wieder von mir ablassen, um sich etwas zu beruhigen und ich wandte mich in der Zeit jemand anderem zu oder wir legten eine Pause an der Bar ein. Ich glaube, das war der Grund, aus dem er so oft lachte und dabei ein bisschen teuflisch dreinschaute. Er ließ mich auch mit Vorliebe hinter sich tanzen. Es ging ihm dabei um das Spiel – nicht so sehr darum, mit meinen Händen auf seinen Hüften oder auf seiner trainierten Bauchdecke bewundert zu werden. Die hintere Stelle ist traditionell maskulin und er mochte, dass eine Frau sie besaß. Genauso ließ ich ihn hinter mir tanzen, als Ausnahme in der Regel, muss ich fast sagen, denn Männer haben hinter mir auf sehr natürliche Weise sehr wenig verloren. Meinen Franzosen von damals hätte ich beispielsweise herzlich ausgelacht, wäre er auf einmal hinter mir aufgetaucht – obwohl ich die Position verstehe und nachvollziehen kann – sie auch selber lieben würde, wäre ich ein Mann. England hätte ich sie vielleicht gegönnt, weil sie so schön ist, und obwohl sie zwischen unterschiedlichen Geschlechtern die zwei beteiligten Menschen deutlich voneinander absetzt. Und hier auf der Tanzfläche, mit unseren Händen und Beinen, durften wir eigentlich alles. Wir wussten beide, was ein guter Geschmack und Respekt bedeutet, hielten uns daran und genossen die damit verbundene Leichtigkeit. Über Jahre hinweg. Und es war uns beiden klar, dass wir nicht miteinander schlafen würden. Über alle Nächte hinweg. Warum es für ihn klar war, wusste ich nicht. Mir lag er deutlich über der Gewichts- und Sicherheitsgrenze. Vielleicht roch er das einfach. Wir waren uns jedenfalls wortlos einig und errichteten uns mit dem Verständnis einen karibischen Strand, an dem kein einziges Körnchen der möglichen bösen Überraschung zu finden war.
Seine E-Mail kündigte eine Party außerhalb der Reihe in eben diesem Établissement an, die ich ihm impulsiv zusagte. Ich brauchte die Entspannung nach der intensiven Zeit, die ich mit meinen Freundinnen durchlebt hatte, und hoffte, dass ich dort nicht nur nackte Oberkörper einseitigen Geschlechts vorfinden würde, deren homogene Wirkung mich langsam, aber doch prinzipiell aus dem Club vertrieben hatte. Eigentlich freute ich mich richtig, mal wieder tanzen zu gehen – mein letztes Mal schien eine Ewigkeit zurückzuliegen – und auch darüber, dass Jerome sich gemeldet hatte. 

Der Ausflug in den Club barg einen für mich anstrengenden und faszinierenden Gedanken, der mich wahrscheinlich noch viele Jahre meines Lebens beschäftigen wird. Er betrifft fast alle Menschen, denen ich jemals begegnet bin.
An dem Morgen unserer Verabredung stellte ich zunächst einmal unser Prinzip in Frage – nicht aus heiterem Himmel, sondern nach jahrelangem, sogar jahrzehntelangem Pendeln zwischen den Geschlechtern, und auch im Hinblick auf meine Arbeit: Die Geschichten und Szenarien, die ich beschreibe, haben immer auch heterosexuelle Hauptpersonen – nicht, weil ich es mir so wünsche, sondern weil ich aus dem Fenster sehe und die Menschen so vorfinde. Also halte ich mich daran. Aber die Konstellation Mann-Frau birgt ein Problem. Es lässt sich klar beschreiben und eigentlich kennt es jeder. Ich wähle hier meine eigenen Worte, weil die Auswirkungen des Problems so schwer zu thematisieren sind und mir selbst für eine Lösung nur die Phantasie bleiben wird.
Jeromes und mein Prinzip war es, nicht miteinander zu schlafen, um aus meiner Sicht das potentielle Blutbad zu vermeiden, das unweigerlich stattfinden würde, sollte ihm irgendetwas einfallen, das mir nicht in die Seele passt, und aus dem ich unter Umständen sogar als Verliererin heraus sterben würde. Wenn also eine Frau wie ich bei einer gemütlichen Tasse Tee entscheidet, nun doch mit einem Mann wie Jerome zu schlafen – dessen Nachnamen ich noch nicht mal kannte –, besteht eine beträchtliche Neugier. Die Entscheidung ist allerdings unhöflich vorausgegriffen, denn er ist, über sein menschliches Potential hinaus, ein sehr freundlicher und sensibler Steuerzahler, der sich seine Genüsse aussuchen kann – ein hochgradig integrierter, viersprachiger Steuerzahler. Ich werde also versuchen, keine unflätigen Worte zu benutzen.
Ein Bruchteil der Neugier ist immer die gefühlte Gewissheit darüber, dass etwas passieren wird, in diesem Fall sogar etwas Spezifisches: Mich wird sein Körper und was immer er damit anstellen kann, faszinieren. Er hat diese geraden Schultern und das Volumen in den Muskeln, mit dieser betonten afrikanischen Ruhe in den Bewegungen. Man hat fast das Gefühl, die kennen sich mit den Körpern anders aus als wir. Und seit dem ich meinen eigenen in Gegenwart von Frauen erlebt habe, pflege ich dem männlichen Konzept gegenüber ein sehr zugeneigtes Verständnis: Ich kann die Ideen und Bewegungen, die unaufhaltbar zu einem Höhepunkt führen, nur zu gut nachvollziehen. Am allermeisten die Sicherheit darin, wenn ich sie sehe.
Was mich interessierte – an diesem Tag und neben vielen Frauen in diesem Jahrhundert, war meine Reaktion auf das Fehlen eines kompatiblen und ebenso sicheren weiblichen Konzeptes. Ich kann Ihnen ein solches, das choreografisch zu dem männlichen passt, nicht formulieren. Und ich ahne, dass es dieses weibliche, entsprechende Konzept nicht gibt, möchte aber natürlich keinem Pflänzchen zu nahe treten, weder einem zarten, noch einem wilden, sollte es irgendwo blühen.
Was ich auch nicht wollte, aber nicht vermeiden konnte, war der Gang zum Sonntags-Notschalter der dienstführenden Apotheke in der Kölner City: Ich empfand es als unhöflich, zu denken, dass ein Mann, der so aussieht wie Jerome, ohnehin die Kondome im Handschuhfach aufbewahrt.
Der Apotheker, der dort nach einer ganzen Weile in der Glasöffnung der Türe auftauchte, zeigte sich, wie erwartet, wenig amüsiert über meine Wünsche bezüglich der Größe und Beschaffenheit der Kondome oder überhaupt über mein Erscheinen – „Entschuldigung, aber mir ist dieser schwarze Kontinent auch weitgehend fremd. Ich kann hier nur schätzen!“
Worüber wir allerdings gemeinsam herzlich lachen konnten, war der Preis, den er mir durch das Türloch steckte. Auf die Kölner ist eben Verlass! Und nur kurze Zeit später schmunzelte ich mich über die letzte kleine Hürde vor diesem Abend – eine Hürde, die einer Frau nur alle Lichtjahre mal begegnet, nämlich der Überlegung, was sie einem Mann erzählt, der sich in naher Zukunft in ihrem Schlafzimmer wieder finden wird. Kein Mann hat jemals nach einer Begründung verlangt! Das ist die eine Idee, die es von männlicher Seite aus nicht gibt! Trotzdem musste ich ihm irgendetwas sagen. Ich hielt es für meinen Vorteil, dass mein geerbtes und langfristig angelegtes Stammhirn wusste, dass es nicht die Frauen sind, die für die hübschen bunten Farbfächer, die Pirouetten und die süßen Töne zu sorgen haben – da ist in unserer überlasteten und vergeistigten Gegenwarts-Denke etwas schief gelaufen, und ich fürchte fast, dass man diesmal nicht der Kirche die Schuld zwischen die Bänke schieben kann. Es ist auch egal! Frauen sehen am besten gesund, aufrecht und gebärfähig aus. Und ich würde meinen Verstand dazu nutzen, Jerome gegenüber ehrlich zu sein.
Es fing auch gut an: Der Club hatte eine angenehme Mischung Menschen geladen und sehr viele von ihnen waren immerhin volljährig. Natürlich würden Jerome und ich erstmal den Ort genießen und die Musik. Wir freuten uns beide riesig, mal wieder aufeinander zu treffen, und ich kam nicht im Traum auf die Idee, dass er vielleicht für später jemand anderen im Sinn haben könnte. Diesbezüglich war ich schon immer prima naiv gewesen! Und gut damit gefahren!
Die meisten Männer auf der Tanzfläche waren schwul – ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo in Köln die Heteros tanzen gehen und ob überhaupt –, aber Jerome fühlte sich genauso wohl wie ich. Und ich bekam auch nach einer Weile das Gefühl, vielleicht doch nichts sagen zu müssen, denn es tanzt sich anders mit dem Schlafzimmer im Kopf: Ich ließ meine Hände bewusster und länger auf seinem Körper liegen – aufnehmender und empfindsamer als sonst, oder als wir es gewohnt waren, und er bewegte sich darin entsprechend. Würde ich nichts sagen müssen, wäre klar, dass es nur mein Prinzip gewesen war und er sich über die Jahre respektvoll daran gehalten hatte, was sich gut anfühlte. Und es ist wohl auch ein urweibliches Prinzip, ebenso wie das aktive Auswählen von Partnern. Ich glaubte nicht, dass er mich fragen würde.
Nach mehreren sehr Bass-lastigen Stücken gab es für mich kein Zurück mehr. Unsere Sprache war immer Englisch gewesen. Ich denke, er wusste auch, was nun kommen würde, nur nicht wie:
„I would like to take you home!“ Ich wartete, bis ich sicher war, dass er mich verstanden hatte, und legte dann nach: „I want to ask you something!“
Er hatte jedes Wort verstanden und gab sich jede Mühe, die er finden konnte, fiel aber in ein Jungen-Lachen, das mitten aus seinem frechen Teufelsherz kam. Ich kannte es bereits und hatte es immer gut leiden können. Wir waren uns also einig: „Pick a moment! Whenever you feel like it!“ Den überließ ich ihm gerne und er genoss es, noch mindestens eine halbe Stunde darauf zu tanzen.
Ich hatte bisher nur Wasser getrunken, wie immer bei sportlichen Leistungen, die zu erbringen waren. Aber auch Sex und Alkohol gehen bei mir grundsätzlich nicht zusammen. Ich mag mir nicht die Sinne zuschütten, und hatte mich bisher immer geärgert, wenn es mir doch passiert war. Ich fühlte mich also bestens vorbereitet. Irgendwann, sogar geschickt auf dem schönsten Teil eines Stückes, schnappte er sich meine Hand und schlüpfte mit mir durch das dampfende Getümmel nach draußen. Und dort blieben unsere Hände, wo sie waren, bis zu meiner Haustüre, und auch das Grinsen, das wir uns nicht verkneifen konnten. Ich hatte keine einzige Sorge in den Knochen und eine Musik vorbereitet, die vom Club nicht weit entfernt war. Jeromes Hände auf meinem Rücken und sein massiver Körper sind meine Stichworte dazu, mich ein bewusstes Stück weit nach hinten zu lehnen, um zu überlegen, was ich ihnen erzählen sollte, denn es geht mir nicht um Schwarze oder meinen Privatkram. Ein treffendes Wort für meinen Seelenzustand über die kommenden Seiten, ist am ehesten die Hilflosigkeit. Und es gibt neben der afrikanischen Unbekannten auch nur eine wirkliche Neuigkeit – zumindest für mich, und sie können erfühlen, ob Sie diese selber ausprobieren wollen. Ich hätte sie vielleicht erahnen können, so gerne und so oft ich mir schwarze Menschen ansehe: Sie hören nicht auf!
Wenn man es so ausspricht, kommt man in Versuchung zynisch zu werden und zu denken, das ist die eine Gemeinsamkeit, die sie mit den Frauen haben. Aber ich meine nicht das unerfüllte Suchen. Ich meine die Flüssigkeit in ihren Bewegungen. Sie lassen sich nicht stören oder unterbrechen. Sie haben etwas verstanden, das mit Worten oder Gedanken nichts zu tun hat.
„I haven‘t been on my back for ages! Let me just enjoy you!“
Mein Kopf hat zwei Optionen für diese Lage: an oder aus. Ich kann mir anschauen, was ein Mann tut und genießen, wie er sich dabei fühlt – bei der schönen Form – oder ich kann von vorne herein verschwinden und die Augen schließen. Das ist die Stelle, an der mir unter allen Optionen die Worte fehlen – so meine ich die Konzeptlosigkeit: Ich sehe keine weibliche Bewegung, die zu der männlichen passt und unaufhaltbar zu einem Orgasmus führt.
Ich weiß wohl, dass Körper auch unabhängig voneinander funktionieren und sich bearbeiten lassen: „Do your worst! … or wait! … wait! Jesus …!
„Why don‘t you do your Ivory Coast, since you are here and beautiful! Just – please – don‘t fuck me into bloody oblivion! I need to be able to say a word and hold a glass later on! Ten minutes max!“
Aber die lassen sich nicht formulieren! Sie folgen keinem Konzept. Nicht von weiblicher Seite aus. Ein Porsche ist ein Konzept. Ein handverlesenes Team, das eine gute Leistung erbringt, unterliegt einem Konzept. Es hat erkennbare Formen, einen zeitlichen Rahmen – einen Anfang, ein Ende – und Teilnehmer mit klaren Vorstellungen von ihrer Handlung, und das Wichtigste: Es lässt sich wiederholen und kommunizieren! Wenn sie eine Frau sind und Ziele haben, also gewohnt sind, strukturiert zu arbeiten, oder wenn sie, so wie ich, besessen von der Klarheit sind und ihr auch verpflichtet, sehen sie sich neben einem Mann, so oft sie eben Lust haben, mit diesem Problem konfrontiert. Und wenn sie ein beobachtender Mann sind, geht es ihnen genauso: Sie werden kein weibliches Konzept erkennen, das aktiv zu ihrem männlichen passt. Es muss kein überwältigendes Problem sein. Auch keine große Aufgabe. Für beide Seiten nicht. Sie lässt sich vielleicht sogar ignorieren, falls sie dazu neigen, oder im Keller verstauen. Sex lässt sich auch nacheinander genießen. Und es gibt anderes im Leben – tausend andere Konzepte, mit denen sie sich beschäftigen können …
Mit einigen Frauen habe ich gesprochen: Sie haben entweder gemeinsamen oder egozentrischen Sex. Unter Frauen und zu zweit liegen Fordern, Aufnehmen und Geben von Energien so nahe und fließend beieinander, dass sich Choreographien ergeben, über die sie jeden Gedanken verlieren. Sie verlieben sich in Hände und Bewegungen und Formen, bis sie ihre Gedanken nicht mehr brauchen. Auch ihre Bilder nicht.
Alleine oder mit geschlossenen Augen, verloren in Phantasien, werden sie egozentrisch. Sie greifen sich die Klassiker und sie trennen das Nehmen vom Geben: Die lange männliche Form lässt sich heiligen, riesig vorstellen, objekthaft und vereinfacht. Sie dominiert und liebt sich selber dafür. Sie funktioniert als Bild, vollkommen unabhängig vom realen Körper, für alle denkbaren Geschlechter. Ich war erstaunt zu hören, dass sich ALLE Frauen in die männlichen Körper hineindenken. Und natürlich dann fühlen.
Sollte aber morgen England vor meiner Wohnungstüre erscheinen, der Mann, der mir so nahe kommt wie kein anderer Mensch, wäre es um mich erst einmal geschehen. Ich würde mit ihm mein Leben verbringen wollen. Oder eben sehr viel Zeit – anders als mit Jerome. Die Option, meine Verbindung zu ihm wegen egozentrischem und konzeptionslosem Sex nach Kurzem wieder aufzulösen, bliebe mir wahrscheinlich nicht. Ich würde mich mit ihm irgendwo hinbewegen müssen und bekäme dabei von der mich umgebenden Gesellschaft keinerlei Hilfe. Ich sehe nirgendwo dieses weibliche und aktive Konzept, das zu dem aktiven männlichen passt und lese auch nicht davon – nicht in der Klarheit, die nötig wäre, um es zu begreifen und es auszuprobieren.
Ich habe Jerome die ganze Zeit über angesehen, mich also für die wache Variante entschieden, mit offenen Augen und natürlich habe ich nicht versäumt, abzusehen, ob sich dabei vielleicht auch der ein oder andere weibliche Höhepunkt abstauben lässt, so gelenkig wie der Typ war. Aber ich glaube, ich hätte ihn dafür wirklich motivieren müssen, mit den klaren Worten, die ich nicht kenne – er wäre ihnen mit Sicherheit gefolgt. Aber ich habe die Geduld nicht! Ich habe die Geduld für die eigene Konzeptlosigkeit nicht! And I don‘t play nice!
„Would you mind if I had you like you were a woman?“
Ich muss mir für jede heterosexuelle Begegnung in meinen Geschichten etwas Glaubhaftes, sogar Absurdes einfallen lassen, weil ich weiß, dass der Klassiker nicht funktioniert. Meine Figuren sind immer gut in irgendwas, wie Menschen es eben sind. Sie können nur konsequent sein. Sonst brauche ich den Roman nicht schreiben.
Ich würde gerne wissen, wie meine beste Freundin Francesca ihrem Thom begegnet. Wie sie mit den Minuten umgeht, in denen sie nicht weiter weiß, als eine Frau, die ihren Beruf mit Sensibilität und Perfektion erledigt, und die für ihre Freunde da ist, wann immer sie sie brauchen. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich zu einer beliebigen Tages- oder Nachtzeit einem Konzept bedienen und über seinen Partner herfallen kann, so zärtlich oder wild, wie der Tag es eben meint und dann erleichtert wieder seines Weges zieht, oder ob man sich viele Stunden und viele Jahre lang Gedanken über die Möglichkeiten macht und hofft, dass sie gut ausgehen mögen. Irgendwie. Der Unterschied wirkt sich auf jede weitere Handlung aus. Wenn ich daran denke, wie viel Geld ich mit und jeweils nach meinem Franzosen damals habe ausgeben müssen, um den Tag doch noch zu einem kleinen Triumph werden zu lassen, dreht sich mir schon der Kopf. Geld funktioniert auch nicht ewig, insbesondere dann nicht, wenn man es hat.
Wie machen die Frauen das? Und warum?!
Wie viele Familienkriege beruhen auf genanntem Problem? Und auf wie viel Kraft sind Frauen bereit, dadurch zu verzichten?
Ich werde Francesca eine Karenzzeit von zwei Monaten lassen und sie danach gnadenlos ausfragen. Und vielleicht nehme ich mir auch meine ebenso gute Freundin Sonia noch mal vor, obwohl ich ein bisschen Angst vor der Botschaft habe, dass frau nur animalisch und wütend genug sein muss, dann klappt das schon, und ich stehe dann da wie eine intellektuelle Heckenschere.
Jerome hat sich übrigens prächtig amüsiert, bei meinem Versuch mir seinen Schwanz einfach wegzudenken und mir sein linkes Bein über die Seite zu werfen! Wenn ich mich nicht selber dabei beobachtet und besser daran gedacht hätte, den Kopf auszuschalten und bitte nicht zu lachen, wäre das eine hoch-qualifizierte Nummer geworden! Die meisten meiner mir bekannten Sinne liegen nämlich außen, und so gravierend unterscheiden sich die Männer von den Frauen nun auch wieder nicht.
Ich glaube, man kann für sein Glück so ziemlich alles versuchen und sogar damit anfangen, sich vorzustellen, wie die menschlichen Beziehungen aussehen könnten, ohne die religiösen oder sonst wie heilig gesprochenen und politisch genutzten Raster, die wir darüber gestülpt haben – über den Sex, die Kommunikation, die Macht – die Liste der Handlungen, die Menschen voneinander trennen ist lang. Ich werde sie schön einzeln abarbeiten – Roman für Roman, Mensch für Mensch – und zusehen, dass ich meinen Humor und meine Freunde behalte, ohne die ich noch nicht mal wüsste, warum ich die Flasche Wein aufmachen sollte, auch am Ende eines Romans nicht. Und ich werde den Familien zusehen, die um mich herum entstehen, während ich die Tintenfässer leere und mich in dem Wagnis üben, sehr vielen und wildfremden, talentierten Menschen zu vertrauen.

SVELTIN CLOWN © 2013 Heike Haarmann (UBIQE), Esslingen
eBook ISBN 978-3-00-041172-4
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung durch Heike Haarmann reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.