Leseprobe / Girls‘ Dome
SC/Short, Seiten 121-124

Ich lehnte um Punkt vier am Taxi vor der Muckibude, nahm Jane plus Taschen entgegen und wir fuhren durch zum Appellhofplatz, um Thom mit seinen Gerätschaften einzusammeln. In meiner Tasche befanden sich Wasser, Rotwein und Sandwiches, mit denen ich nachher triumphieren würde.
Der Taxifahrer ließ uns elegant an der Dom-Nordseite raus. Das Plateau um den Dom – etwa 100 bis 200 Meter in alle Richtungen – war, wie in jeden Sommer, gut und bunt gefüllt. Für alle Nicht-Kölner: Der Dom hat unterschiedliche Seiten: eine Vorderseite mit drei Haupteingängen, die voller Touristen aus aller Welt steht, voller Künstler, voller offener Münder und sie ist oft so dicht bepackt, dass man sie nur in Schlangenlinien durchqueren kann; an seiner linken Seite ist der schnelle Durchgang zum Bahnhof für alle Citybewohner und Pendler; die rechte Seite öffnet sich zu einem großen Platz, der von Museen und Hotels gesäumt ist – er ist fest in den Händen und Beinen von jugendlichen Skatern und Bikern; und die Rückseite neigt zur Kultur: sie ist gleichzeitig der Vorhof zu den Museen, der Philharmonie und der Rheinbrücke zur Messe – hier tummeln sich die eher europäischen Neugierigen, die überall hinsehen, sich unterhalten und auch am Dom-Zaun das Treppengeflecht beobachten, an dem sich die Skateboarder die Fußgelenke verstauchen oder an dem sich ein Geiger seine Euros verdient.
Ich führte meine Crew professionell gut gelaunt zu einem Brunnen mit breitem Sitzrand zwischen der Touristen- und der Skater-Seite und setzte Jane auf mein Kautschukkissen, während Thom sich selbständig organisierte.
„Aufgewärmt und locker bist du ja!“ Dazu kniete ich mich vor sie und nahm ihre beiden Waden in die Hände. Sie nickte kurz.
„Hast du dort einen Trainer?“
„Ich hab mir sofort einen gegriffen – er meinte, er gibt auch Privatstunden, aber ich seh mir den Laden erst mal ein Weilchen an.“
„Ok. Du siehst aufgeweckt aus. Willst du noch etwas trinken oder essen?“
„Nope.“
„Gut. Es gibt Skizzen für heute …“ Ich kramte sie heraus und erklärte ihr die Geschwindigkeiten und was ich mir dabei dachte: „Entscheidend ist dein Gespür dafür, die abweichende Geschwindigkeit und eine zugängliche Körpersprache zu finden. Wir müssen sie gar nicht vorher festlegen. Das Zwischenziel ist die Provence, das Endziel erst die Filmfigur. Denk einfach mal ausschließlich an dich und nimm deine Wirkung auf andere wahr!“
Jane sah mir durch meine Worte ziemlich intensiv und ruhig in die Augen und stand dann auf und sah sich um. Ich drückte ihr das kleine Walkie-Talkie in die Hand, das sie sofort verstand. Thom bemerkte „800 Meter“ und nahm sich die Handycam vors Gesicht. Zu meinem kleinen Herzhüpfer setzte Jane nicht ihren ersten überlegten Schritt aufs Plateau, sondern sie sprintete mit einer erstaunlichen Körperbeherrschung los, diagonal hinüber zum Museumsmittelgang. Nach einem Drittel wäre sie laut Schicksal mit einem Kopfhörer tragenden Skateboarder kollidiert. Drei Meter vor dem Crashpunkt sah er sie heranfliegen und kratzte eine scharfe Kurve in seine Fahrt. Er starrte Jane mit offenem Mund an: wie sie links von ihm mitzog, ihn überholte, seine Fahrspur abschnitt und wieder zurück auf ihre Diagonale kehrte. Mir ging natürlich instinktiv das Walkie-Talkie an den Mund, aber ich wusste nichts zu sagen. Jane verschwand störungsfrei und unter gleichbleibender Geschwindigkeit zwischen den alten römischen Bouldern, die im Museumsgang herumstanden. Mir sanken schön die Arme an die Oberschenkel, links das Talkie, rechts der Schreibblock. Ich sah rüber zu Thom, der bequem und stabil auf seinen zwei Beinen stand, und der zusätzlich zu der ruckelfreien Aufnahme bemerkte, dass der Einradkünstler dort links die beiden genau beobachtet und sich angeschickt hatte, sich einzubringen, wäre Jane nicht so arg schnell gewesen. Sie hat aber – ob ich das bemerkt hätte – dem Skater beim Überqueren seiner Bahn magnetisch in die Augen geschaut oder wie auch immer das bei der Geschwindigkeit und Dynamik funktioniert haben mag!
Ich sprach ins Talkie: „Jane, hast du das Einrad gesehen?“
„Ja.“
„Der Skater – hatte er Sympathie oder Angst?“
„Adrenalin und Neugier,“ und „ich bin bin noch nicht durch – Dom-Zaun, elf Uhr!“
Thom und ich drehten beide um die eine Richtungsstunde nach links. Jane war hinter der Museumshälfte hergelaufen und schnürte jetzt mit den Händen in den Hosentaschen am Gitter vorbei und stellte sich in der Nähe des Einrads auf, dessen Fahrer an seiner rechten Pedale herum füßelte und sie noch nicht wahrnahm, so kurz hinter seiner Seite, wo sie stand. Als er aber den ersten Tritt fuhr, drehte er automatisch im Gleichgewicht zu ihr rüber, worauf sie die Hände aus den Taschen nahm, ihn ansah und los spazierte, direkt durch seine Position, sodass er versuchte ein Stück weiter zu rollen und auszubalancieren. Ihre Geschwindigkeit rastete bei konstant-gemütlich ein. Allerdings hatte sie einen Radius in der Richtung – im Prinzip genauso wie er. Sie konnten sich also gegenseitig nicht berechnen und es war dem Zufall überlassen, ob sie sich noch einmal trafen. Jane schlenderte in ihrer Kurve über das ganze Plateau, unter den neugierigen Augen einiger Touristen – und tatsächlich: Ich hatte nur die individuelle Geschwindigkeit überdacht, obwohl die Richtungen unter Menschen vielleicht viel prägnanter waren. Man geht einfach nicht in Kurven zum Ziel. Und geht selten ohne Ziel. Dass sich Kurven und Ziel aber nicht grundsätzlich widersprachen, zeigte uns Jane mit Vergnügen: In diesem Moment verschwand sie zwischen Versace und Armani im Eingang des Dom Hotels, dessen Page sie feierlich willkommen hieß.
Thom war ihr um den Brunnen herum gefolgt und hielt jetzt auf den Eingang. Er informierte sie: „Jane, die Kamera ist auf dem Eingang, Portrait, du hast etwa einen Meter rechts vom Pagen.“
„Ok.
„Nina?“
„Ja?“
„Wir müssen die Kurven mit reinnehmen!“
„Ja – du bist die Größte!“
„Die Klamotten funktionieren.“
„Yep.“ Die Hightech-Klamotten passten zu den Skatern, genauso wie zum ersten Hotel am Platz.
„Noch etwa zehn Sekunden, Thom. Und Nina, ich brauch dich am schwarzen Audi. Mit dem Block in der Tasche und freien Händen.“
Wir reagierten beide. Eigentlich hätten wir hier eine zweite Kamera gebraucht, aber gut. Jane ließ sich, wie beim Eintreten, sorgfältig begleiten, schenkte dem Pagen einen so eindringlich warmen Blick, dass der sich an der offenen Tür festhalten musste, und fand dann in einer flüssigen Körpersprache, die ich so noch nie an ihr gesehen hatte, in meinen Blick und blieb dort. Bis sie kurz vor mir war und ich gar nichts mehr wusste: Jane fuhr mir mit ihren flachen Händen über die Bauchdecke, weiter bis auf den Rücken, küsste mich – zu meiner handlungsfreien Überraschung – nahm sich meine Hand, „komm!“ und führte mich durch die parkenden Luxuskarossen und die vielen schwätzenden Japaner zum ersten Dom-Eingang. Sie tat dies mit einer Selbstverständlichkeit in ihrem Umgang mit meinem viel größeren Körper, dass sie auf Menschen wirken musste, als hätte sie sich über die Jahre in aller Lust daran gewöhnt, mich auszuziehen und je nach Laune übers Bett zu werfen. Sie begleitete mich mit einer Hand in meiner Rücken-Senke, kurz überm Hintern, durch den Türbogen in den Dom. Hinterm Weihwasserbecken zog sie sich meine Hand über die Schultern – so schien sie für den Innenbereich des Domes entschieden zu haben, vielleicht mit kleinen Variationen, falls ein Heiliger, Geweihter oder sonst wie Zugehöriger seine Aufmerksamkeit zeigen würde. Ich selber dachte natürlich an gar nichts, außer an ihre freche Sicherheit, und achtete auch auf nichts.
Ich war schon seit einer Ewigkeit nicht mehr in dieser riesigen Kathedrale gewesen. Jane führte mich, seit dem Mann mit dem schrägen roten Samt-Cappy, mit ihrer Hand kurz unter meinem Nacken, wissend und zielstrebig bis in das Querschiff, wenn es denn so genannt wird, und deutete dort mit ihrer Nasenspitze nach oben. Hier stellte sie sich hinter mir auf, sodass sie in mein Ohr flüstern konnte, sollte ihr etwas einfallen. Aber erlauben Sie mir diesen kleinen Ausflug, denn so ist es: Der Dom unterbricht jede Unterhaltung. Er ist derartig riesig – auch für einen verwöhnten Europäer, der schon zig religiöse Vorstellungen und Ausbrüche betrachtet und überdacht hat – er ist derartig riesig, dass man unweigerlich mit seinen beiden Füßen auf dem nackten Boden landet, und es ist dabei ein Unterschied, ob man ein solches Bauwerk als Kind gezeigt bekommt, wie wahrscheinlich üblich, oder als erwachsene Frau, die gelernt hat, zwischen Theorie, Ideal und Praxis zu unterscheiden, und die erkannt hat, was es mit der Umsetzung von Ideen auf sich hat. Man fragt sich unweigerlich, welcher Kopf eine so monströse und gigantische Idee gehabt haben mochte und ob der Anstoß zu einer Umsetzung von einigen wenigen im größten Wahn aller Zeiten ausgerufen worden ist, oder ob das anwohnende und pilgernde Volk diesen Dom verlangt haben konnte. Und wenn man dann, so wie ich, da ich die Dinge mit der Religion ständig wieder vergesse, mal eben zuhause im Netz nachschaut, wie es zu diesem Dom gekommen war, und liest, dass elfhundert soundso die Gebeine der Heiligen Drei Könige von irgendwo anders nach Köln geschleppt worden sind, kommt man schon sehr ins Schmunzeln und freut sich auch richtig, weil man die Kölschen Seelen in dieser Gegend wirklich lieb gewonnen hat: Die Drei Heiligen Könige sind, ähnlich wie David, drei Charaktere aus einem Buch, und ich gehe guten Willens davon aus, es handelte sich bei den Gebeinen um drei mit Tüchern und Wertgegenständen gefüllten und ansonsten leeren, außen verzierten Kisten, die alle europäische Welt zu bestaunen  hatte.
Nun wurden im letzten und vorletzten Jahrhundert die Bausteine noch einzeln aus dem Siebengebirge kurz hinter Bonn herausgekratzt – wahrscheinlich liefen Boten hin und her, die angaben, wie der nächste Satz Steine geformt zu sein hatte. Sicherlich war der Bauherr ein schlauer Fuchs, aber so nüchtern und knapp wie das Netz eben ist, steht da ein paar Zeilen weiter – der Dom halb fertig und so, dass man dort feiern und sein, ich sag mal ganz vorsichtig, Getränk zu sich nehmen konnte:
Nach 300 Jahren Bauzeit wegen Desinteresse eingestellt.
So herzlich habe ich gelacht! Das ist so typisch Kölsch!
Wat soll dä Quatsch?!
Und natürlich tauchte der Gedanke auf: Das hätt ich euch sagen können, dass der Schwank mit den drei Jungs nicht reicht!
Nun ja. Ein paar hundert Jahre später hat sich ein König Preußens, zusammen mit den Romantikern und Fans des Mittelalters, über die Baustelle gefreut – der Kran stand auch noch drin – und den Dom zur Einigung des Deutschen Volkes fertig gebaut. Und jetzt steht er da, stolz, in voller Größe, und Jane in voller Länge an meinem Körper entlang:
„Hast du die neuen Fenster schon gesehen?“
Tendenziell hatte ich den Dom immer schon als zu dunkel empfunden. Ein paar von den Fenstern sind im Zweiten Weltkrieg kaputt gegangen – diesen ebenso atemberaubenden Abstecher nehme ich jetzt nicht – und sind just dieses Jahr von Gerhard Richter durch superhelle Pixelfenster ersetzt worden:
„Nein.“
Also fuhr ihre Hand wieder schön langsam herunter in die Steuerposition – es haben schon viele Charaktere aus Film und Literatur nach einem passenden Namen für diese Senke verlangt, so auch ich – vielleicht komm ich später noch auf einen. Jane jedenfalls schickte sich an, der Kathedrale zu beweisen, dass sie sich fiktiv in mich verliebt hatte und stellte uns entsprechend im nächsten Schiff unter den neuen Fenstern auf, die – ich muss schon sagen – recht unangenehm blendeten. Nichts, was man sich bei Sonnenschein mehrere Sekunden lang ansehen konnte! (Warum ist das so, mitten in diesem vollendeten Geniestreich?) Die Frage, warum Jane hier so wild ging, stellte ich mir viel weniger ausdrücklich. Ich musste auch zugeben, dass sie sich weitgehend an meinen skizzierten Gangplan gehalten hatte und nun zog sie ihre Sonnenbrille auf! Thom, den ich vollkommen vergessen hatte, reichte mir seine, und wechselte darauf die Position: in die angenehme Entfernung, aber vis à vis zu uns. Wir sahen ihn nun, und das hieß für Jane, dass sie ihr Gesicht in meinem Hals vergraben durfte. Für wenige Sekunden nur, aber es hatten alle gesehen. Die meisten Menschen empfinden zwei Frauen irgendwie als magisch – ganz egal wie sie darüber denken und reden. Ich rechnete sekündlich damit, dass irgendein Geistlicher aus einer der vielen dunklen Ecken geschossen kam und uns hinauswarf. Jane konzentrierte sich jetzt auch wieder auf meine Hand und meine Schulter und fing ganz leise an zu reden. Über Nadine und so offen, dass ich froh war, eine Sonnenbrille über einem beachtlichen Teil meines Gesichts zu tragen. Sie redete so lange über die Frau ihres Lebens, dass ich wieder auf den Boden kam und die Mission in meinen Sinn. Es ging ihr hauptsächlich um die Dreiecksbeziehung, die sie mit Nadine und mir führen würde. Ihre Hände auf meinem Körper waren ihre Art zu zeigen, dass sie es leicht nehmen wollte, außerdem standen wir mitten in einem Film und irgendwas musste in der Kirche passieren!
Im Hauptgang tauchten zwei in Rot gewandete Männer auf, die ihr Leben lang geübt hatten, ziemlich beschäftigt zu sein. Es hatte sie aber niemand jemals etwas anderes tun sehen, als eben diese Dom-Gänge abzulaufen. Ich war schon ein bisschen neugierig, ob sie uns ansprechen würden, und wenn ja, welche biblischen Vokabeln sie parat haben würden. Ich überlegte mir, sie zu fragen, was in dem Weihwasser drin sei, sollten sie uns hier nicht haben wollen, aber Jane starrte so andächtig gen Himmel, dass ich gegen einen schwelenden Lachkrampf anzukämpfen hatte, bis sie endlich auf unserer Höhe wandelten. Sie zogen in aller Bedächtigkeit an uns vorbei, steuerten dafür aber um die Ecke und auf Thom zu, der – natürlich! – die verbotene Kamera in der Hand hielt. Er sah sie kommen und Jane biss mir dabei in den Nacken, weil sie total gespannt war, was jetzt passieren würde, also besann ich mich auf die guten 15 Zentimeter, die ich sie überragte:
„Ich setz dich gleich in die Obstschale da drüben … auf den Altar!“
Sie quittierte mir, dass sie verstanden hatte, indem sie mir unterm Pulli über die Rippen ging, weil sie dachte, das sieht niemand.
Thom nestelte nicht ertappt an seiner Kamera herum, sondern begrüßte die beiden Heiligen, als hätte er eine UNO-Sonderbescheinigung über diesen Einsatz hier in der Tasche. Er spießerte nicht mit seinem Presseausweis herum, sondern winkte sie gleich in Position und hinter sein Display, zeigte auf uns und erklärte, wer wir waren, welche Aufgaben wir vor uns sahen – kurzfristig und langfristig … (er hatte den Talkie offen gelassen)… die lombardischen Klöster, Aachen, Karl der Große, die Franken, die Frauen – solange, bis sie sich den Film tatsächlich ansahen und wir schon dachten, dass sie mit den Getränken herüber rücken würden, denn immerhin standen wir in einem der größten Partyschuppen aller Zeiten. Janes Hand pflückte ich aber sicherheitshalber von meiner Haut und unter meinem Shirt weg, nicht nur weil ich mich an die Worte meiner Eltern bezüglich des Benehmens in einer Kirche erinnerte, sondern weil das erfahrene Stück schon ziemlich genau wusste, wo die Fingerspitzen bei einer Frau hingehören – „hast du sie noch alle?!“
„Wieso?! Thom hat gesagt, du schläfst aus Prinzip nicht mit deinen Spielerinnen und wärst da sehr standfest, hättest ihm einen riesennoblen Vortrag gehalten.“
Mein Blick ging also auch gen Himmel, und als hätte ich darum gebeten, fand mein Denkwerk trotz der grellen Pixel und vor allem auf Anhieb in den nüchternen Status: „Thom, wir gehen auf die Marke C in der Dom-Nordskizze. Die nächste Einstellung ist eine Halbtotale zu Energieeinsparung – wann immer du bereit bist!“ Ich hörte sein Talkie noch korrekt knuspern und eskortierte das Stück hinaus in das frische Lüftchen, das unser ehrwürdiges Bauwerk so stetig umfließt.

Die geschäftige Pendlerschleuse an der Nordseite des Doms inspirierte Jane zu einem Schritt, der so exakt die Mütterlichkeit meinte und auf gleicher Höhe die sportliche Kampfbereitschaft, dass Thom und ich nur noch hinsahen und uns keinen Millimeter mehr bewegten. Vielleicht haben Sie einmal darauf geachtet: Die leichten Kampfsportler gehen nicht brutal oder kräfteverteilend. Sie gehen so, als könne man ihnen jederzeit den Boden unter den Füßen wegziehen: Sie würden sofort seitlich reagieren können. Viele von ihnen, und in der Regel sind es Jungs, übertreiben dabei etwas, sodass man ihnen über hundert und mehr Meter eine bewusst dargestellte Leistungsfähigkeit ansieht. Und Jane verbreitete einen Hauch von Rund-herum-Beweglichkeit, weg von der Geradlinigkeit, und sie wirkte sportlich genug, dass man ihr den Sprint zutraute. Auch die Überraschung. Und gleichzeitig gab sie all denen, die sie ansahen die Fürsorglichkeit mit auf den Weg. Wir erkannten es von hinten und an den Blicken der Passanten: Jane sah einigen von ihnen direkt in die Augen. Sie suchte sich genau aus, welchen von ihnen, und sie blieben alle an ihr kleben solange sie konnten.
„Wie hast du das gemacht?“ Wir waren ihr hinterhergerannt, als sie an der großen Treppe zum Bahnhof hinunter angelangt war und nun dort auf uns wartete.
„Ich hab mir vorgestellt, drei Teenager in der Namib zu betreuen. Das ist mitten im Nirgendwo dort. In der Wüste. Ein echter Film, wenn man aus Frankfurt kommt. Oder aus Lyon.“
Ich sah schon, wie Thom die zwei Städte und den Quarzsand zusammenzählte und sich anschickte zu fragen … Das konnte es ja wohl nicht sein!
„Du stellst dir die Wüste vor und der Gang ist einfach da?!“
„Ich brauch eine Stimmung, die erzeugt werden soll, und zwar ziemlich genau.“
„Welche war das?“
„Die Teenager hatten die Ahnung von Skorpionen und Messern, die aus den Hosentaschen springen, und von Wüstenstürmen, und brauchten die eine Person, die den Jeep da wieder herauskriegt und die verdammte Sprache spricht. So habe ich es angeboten.“
Und das alles auf der Dom-Platte.
Jane war meine Frau des Lebens!
Sie würde sich fürs Wochenende genau so einen Film zurechtrücken, und die entsprechende Ausstrahlung. Ich traute mich gar nicht, zu fragen. Sie wollte auch gleich weiter in die nächste Einstellung, die allerdings auf meinen Skizzen nicht geplant war: „Ich möchte hier auf der Treppe quer spazieren!“ Die war auch so eine beachtliche Neuigkeit: etwa 200 Meter breit und gefühlte drei Stockwerke hoch. Wenn man als Reisender und Fremder in die Stadt kam und aus den Toren der Bahnhofshallen trat, war die Treppe das erste Stück Stadt, das sich sehr ruhig und selbstbewusst auftat. Ich fand immer, sie wirkte wie das untere Stück einer großen Pyramide, und egal wie viele Backpacker sich dort niedergelassen hatten, sie schien immer leer und respekteinflößend. Einzelne Menschen verloren sich auf ihr in der Gesamtoptik.
„Hast du vor, seltsam zu wirken?“ Ich hatte ihren Einbezug der besonderen Richtungen und Wechsel schon verstanden, wollte aber nicht nur spielen. „Ich hätte dich gerne möglichst nahe an den Menschen dran. Leicht abweichend, aber nah dran.“
„Ist es nicht das, was man schon immer hat machen wollen – auf so einer ewigen Treppe quer gehen?! Vielleicht macht es mir jemand nach!“
„Niemand kommt auf die Idee, weil dort hinten nichts ist, außer den Bahnschienen und dem Betreten verboten. Die Treppe führt aufwärts zum Dom. Die Leute werden dich nicht verstehen, wenn du quer gehst.“ Fast hätte ich sogar auf die Uhr geschaut, um zu verdeutlichen, was ich davon hielt. Jane sah einen kurzen Moment lang traurig den Stufen entlang und dann sogar zu Thom, als wäre er der helfende Bruder und ich ihre doofe Mutter – worauf mir sicherlich irgendwo ein Äderchen platzte –, aber dann stopfte sie ihre Pfoten in die Tasche, was bei unserer Jane die höchste Form der Zustimmung war, die man nach einer solchen Ungerechtigkeit bekommen konnte.
„Hier hast du einen Sandwich!“ Ich frickelte ihn aus einer der Taschen, die um Thoms Schultern hingen. Ich glaube, er nutzte ihr Gesamtgewicht als Stativ für die ruhige Kameraführung oder so. Er trug all unser Zeug! Und Jane stolperte nun also fleißig mampfend die vielen Stufen herunter. Ich machte mir beobachtend die geistige Notiz, dass Jane zum gefilmten Treppenlaufen nicht unbedingt geeignet war.
„Jane?“
Sie drehte sich kurz um – ich dachte schon, jetzt fällt sie ganz runter: „Ja?!“
„Kannst du auch vorsichtig? Oder etwas genauer? Den Stufen entsprechend?“ Es war mir noch nie aufgefallen, dass sie die Treppen nicht gescheit runterkam. Sie fand überhaupt keinen Rhythmus, und die Dinger erschienen mir ziemlich genormt. Es waren halt nur viele.
„Ja!“ Jetzt trat sie mit ihren Zehenspitzen auf – es fehlte nur noch, dass sie die Arme seitlich zur Balance raushielt. „Filmt Thom?“, ohne sich umzusehen.
Von ihm kam sofort das „Nein“, und sie gab mir die Armstellung Warum fragst du dann?!, also nahm ich mir auch ein Sandwich und wir tappten gemeinsam zur nächstem Marke kurz vorm Gleis 2, hinter der Süßigkeitenbude.
Jane ging davon aus, dass Thom auch eine Serviette für sie bereit hielt, bekam sie sogar und drehte dann einen kleinen Tigerkreis um uns herum. Ich wollte sie noch mal auf den ruhigen Punkt bringen, bevor sie losstürmte und legte mich dafür ganz leicht auf ihrer Schulter ab: „Die Leute hier sind sehr spezialisiert in ihren Wegen und Zeiten, und sie sind egozentrisch. Versuch mal, zu erfühlen, ob du noch eine offene Form findest. Du bist fast eine Nonne – denk dran – dein Charakter ist für die Menschen da. Du übermittelst Eigenschaften und Ideen. Sie sollen sie aufgreifen können!“
Jane brauchte mich gar nicht ansehen. Sie nahm die Worte atmend auf, hörte Thoms leises „rolling“ und ging aus meinem rechten Arm heraus los: Die Serviette flog in die Tonne, sie sprang geschickt nach rechts in den Verkehrsfluss und fand der Reihe nach die Augen der ersten drei bis vier Entgegen- und Querkommenden. Sie gingen ihr alle spontan und vorsichtig aus dem Weg, und nicht weil Jane ihnen eine rigorose Stirn bot: Sie signalisierte ihnen allen als erste die Bereitschaft gegebenenfalls selber auszuweichen – mit ihrem Blick, aber auch durch ihre Körpersprache, ganz ähnlich wie oben am Dom, nur dass es hier in der Verkehrsdichte auch wirklich darauf ankam.
Thom und ich sahen uns an: “Die wird das hinkriegen! Die wird ‘ne richtige Spielerin werden!“ Ich sagte es und Jane rannte frontal in einen klassisch-männlichen Teenager, Tendenz Morgenland, der sich bereits anschickte, sein traditionelles Verhältnis gegenüber Frauen auszuprobieren oder zu beweisen. Er war nicht alleine unterwegs. Thom wollte schon losziehen und ich gebot ihm: „Langsam! Sie ist ‘n großes Mädel!“, worauf er ruhig, aber stetig einen Fuß vor den anderen setzte, immer Janes Profil und den Teenager im Fokus. Und sie sah ihn tatsächlich neugierig an, nicht fordernd, denn er war sozusagen mit offenem Mund stehengeblieben. Wie ausgerechnet, fiel ihm auch nichts ein. Er war noch zu jung. Wahrscheinlich würde er seinen Freunden ein paar Meter weiter gescheit was flüstern, aber für den Moment stand sein Gesicht auf blank und Jane lief nach zwei Sekunden gelangweilt weiter. „Habt ihr gesehen?“ krächzte es aus den Talkies – „sozial funktioniert nicht bei jedem.“
„Ja. Es läuft gut! Geh weiter so!“ Was sie auch tat, an ein paar älteren Herrschaften vorbei, deren Gepäck sie großräumig umlief und dann mitten durch eine Schulklasse, die sich kollektiv über sie kaputtlachte, weil sie in ihren Reihen zwei ihrer altbekannten Stolper-Stunts hinlegte. Ich ließ ihr den Spaß und spazierte ihr guter Dinge hinterher, wobei mir die Menschen alles andere als konfliktlos aus dem Weg gingen, auch die nicht, denen ich, bereit zu allem, in die Augen sah.
Jane querte nach der Schulklasse im rechten Winkel hinüber zum Gleis 5 und spurtete die Treppe hinauf.
„Jane? Warum die Rennerei?“
„Ich denke, du willst mich trainiert haben?! Das Laufband im Studio ist affig! Ich muss jede Gelegenheit nutzen!“
Na prima! Sie würde also ab heute für den Rest ihrer Tage losrennen, sobald sie einen hübschen freien Weg fand. Die Kölner werden sich freuen, wenn Jane ihnen aus den Ecken heraus über den Markt und durch die Einkaufstüten knallt! Aber immerhin beantwortete sie so meine Frage, ob wir sie zu einer anderen Frau gemacht hatten oder machen würden, da „wir“ nun mal entschieden hatten, dass sie vor die Digi-Cam gehörte.

Vom Gleis 5, dem Abend danach und dem letzten Tag vor der Flughafenszene liegen mir nur noch Einzelteile im Gedächtnis: Jane schnürte langsam und sehr gleichmäßig an der gleiswärtigen Seite der Abstandslinie entlang, die Nase geradeaus. Als der ICE eine Handtaschen-Breite an ihr vorbei dampfte, entwickelte sie fast ein erotisches Verhältnis zu diesen vielen tausend Tonnen Stahl. Sie kam ihm mit jedem Schritt einen gefühlten Millimeter näher. Thom musste seinen Oberarm am ICE riskieren, um diesen Luftzug zwischen Janes Schulter und den vorbeifliegenden Fenstern gebührend einzufangen. Am Gleisende, unter Stand und höchstem Bewusstsein, fragte sie die Schaffnerin, die Jane mit Sicherheit beim Einfahren gesehen hatte und die jetzt einen rot angelaufenen Kopf zeigte: „Ist dieser Zug pünktlich?“, und selbige brachte kein Wort heraus.
Wir tranken unsere Flasche Wein unten am Rhein zwischen den schaukelnden Schiffsanlegern und den gierigen Möwen. Jane nutzte nur diesen einen Gedanken: „Ich werde in der Provence die Frau sein, die beginnt gut zu sein und ich werde Erfolg haben, sobald die Menschen, auf die ich mich verlasse, mich bedingungslos unterstützen. Ich brauche die klare Regisseurin und die echte Figur. Wenn mich Nadines Familie nicht lieben kann, werde ich genauso viel schlechter sein!“
Ich entschuldigte mich darauf und ging sofort nach Hause. Dieser kleinen Frau würde ich in den nächsten Jahrzehnten restlos erliegen. Sie hatte in mir ein Gefühl hinterlassen, das ich nicht als positiv oder negativ beschreiben würde, sondern als die ganz nackte und nüchterne Balance, die jeder einzelne Mensch in seinem Leben zu finden versucht, und die man ab und zu erkennt oder die einen manchmal mit Vehemenz überwältigt: die Balance zwischen den zwei Momenten – dem sich Fallen-Lassen und dem Aufgefangen-Werden.

 

SVELTIN CLOWN © 2013 Heike Haarmann (UBIQE), Esslingen
eBook ISBN 978-3-00-041172-4
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