Leseprobe / City Jane
Sveltin Clown, Seiten 41-42

Bei Jane in der City ließ ich mich selbst rein. Es brannte Licht, sie drückte aber nicht auf: Ihr kurviger Körper feierte sich, entlang der hochgelegten Beine mit Cowboyhut und Zigarre, im Schaumbad. Sie paffte in einer bekannten Wüstenruhe ihre Ringe an die Decke. Meine Wenigkeit im Türrahmen bedachte sie, nach einem besonders gelungenem, dem sie zufrieden hinterher sah, nach alter Tradition: „Miss Bayden … Wie kann ich ihnen helfen?“ Sie hatte sich extra dreckig gemacht und wusch sich jetzt nicht richtig – dümpelte nur im Wasser, wie es sich für einen anständigen Kerl aus dem Westen gehörte, der ganz genau wusste, welche Beute er nach Hause getragen hatte.
Ich schnappte mir ihren Badesessel und warf ihn in Position für meinen Hintern. Immerhin sah sie mich darauf hin an. Ich hatte sogar Stiefel an und parkte sie Sohle an Zehe mit ihren auf der Reling. Sie bot mir eine ihrer schmalen Zigarren an, die ich friedlich in Gedanken anzündete und mir dabei ihre Brüste ansah, die nicht ganz unter Wasser lagen. Ich schüttelte schön langsam und erfahren den Kopf, da ich sie bereits kannte und aschte dann in ihr Badewasser.
„Ok! Ich hab ihr von den Körpersprachen erzählt!“ Sie fuhr zu ihren Worten ein gutes Stückchen aus dem Wasser, sodass mir die Brühe an die Stiefel schwappte. Jane war genauso durch den Wind wie Nadine und hielt sich an der Zigarre eigentlich nur fest. Es würde ein amüsanter Abend für mich werden!
„Und?!“
„Ich hab ihr von Francesca erzählt, den Frauen, Männern, Händen …“
„Sie hat von sich öffnen gesprochen …“
Daraufhin sah Jane widerwillig, an den paar Kakteen vorbei, aus dem Fenster und schien auch nicht überrascht, dass ich informiert war: „Weiter nichts?!“
„Doch, aber das war ihre vehementeste Antwort – es wäre gar nicht nötig, dass man mit dir schliefe!“ Die Zigarre schmeckte mir wunderbar!
„Was??! Hast du sie noch alle?!! Was hast du ihr gesagt?!“
Sie, Jane! Sie findet, dass du dich auch so bereits öffnest – mitten am Tisch!“
Jane war drauf und dran, aus der Wanne zu steigen, wusste aber, dass sie nichts an hatte. „Ich hab mich halt zuhause gefühlt neben ihr! Sie ist nett! Sie ist neugierig! Es ist viel am Anfang! Du kennst das doch!“
„Ja! Aber Nadine lebt hetero!“
„Quatsch!“
„Sie ist über 30 und war noch nie mit ‘ner Frau zusammen.“
„Das ist sogar ihr selbst egal!“
„Du magst recht haben … aber sie ist nervös! Ein Haufen Skorpione! Sie hat mit ihrem Freund Schluss gemacht!“
„Waas?!“
„Gerade eben. Sie war bei mir und hat es erzählt. Du wirst dich um sie kümmern müssen.“
Jane sprang aus der Wanne, zusammen mit einem Großteil des Wassers, und rannte nackt mit Hut durchs Stockwerk auf der Suche nach dem Telefon. Es lag direkt neben mir auf dem Waschbecken.
„Jetzt bleib mal ruhig und wähl nicht gleich! Überleg dir, wie du sie auffangen kannst. Das Telefon liegt hier.“
Sie rauschte mir sofort an die Seite.
„Und zieh dir was an!“
Sie schnappte sich das Telefon und kurbelte zumindest ihr Hirn mal kurz an – leider nicht bis zur Jeans, aber immerhin. Ich warf ihr ein Handtuch zu, das sie auffing und in ihrer Hand beließ, während sie mit der anderen ihr Bier öffnete.
„Ich fahr rüber zu ihr.“
Das kam mir komisch vor. „Warum hast du eigentlich gestern nicht mit ihr geschlafen?“
Ihr Gesicht schwenkte sofort in die Berechnung. Sie kam langsam auf mich zu – inzwischen mit Handtuch: „Meine Liebe … Ich weiß nicht, ob dir ein Partner jemals wirklich, wirklich wichtig war, oder ob es bei dir nur die Geschichten sind …“
Mir wurde sofort ungemütlich.
Und Jane blieb erst dicht neben meiner Haut stehen: „Mir ist sie wichtig! Ich will nichts falsch machen. Nichts zu schnell, nichts zu langsam, nicht zu viel, nicht zu wenig, nicht zu stolz … Ich hab Angst, sie hat Angst … Ich weiß, dass du das nicht kennst. England war ja von der Sekunde an dein Bruder. Andere Menschen sind unsicher! Und ich fahr jetzt rüber und teile das mit ihr!“
Ich musste zugeben, dass ich bei den richtigen Menschen nicht mit Unsicherheit rechnete. Ich kannte es tatsächlich anders.
„Vielleicht braucht sie ein bisschen Zeit für sich …“
„Mag sein, dass sie das gerade meint. Dinge ändern sich, wenn Menschen vor der Türe stehen.“ Sie schlüpfte in Jeans und Pulli, trank noch einen Schluck, nahm mein Gesicht in beide Hände: „Nina, es wird Zeit, dass du auch mal ganz runter fällst! Bis wirklich nur noch die zwei Hände da sind und dich auffangen. In den umgekehrten Himmel!“ Sie schmunzelte noch über ihr eigenes kitschiges Bild, küsste mich auf beide Seiten, „lass es dir gut gehen!“, meinte damit ihren vollen Kühlschrank und trollte sich hinunter und hinaus in ihr anbrechendes neues Leben. Ich nutzte die Gelegenheit mir in einem fremden, aber doch sehr gewohnten Haus ein paar farbige Visionen durch den Kopf ziehen zu lassen.

 

SVELTIN CLOWN © 2013 Heike Haarmann (UBIQE), Esslingen
eBook ISBN 978-3-00-041172-4
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